Stolper Kalenderblatt

Besuch bei der 105jährigen in Kleschinz (Juni 1937)

von Klaus-Peter Kohlhas (Kommentare: 0)

Die älteste Frau Pommerns, die Witwe Ernestine Müller in Karlsfelde bei Kleschinz, feierte am gestrigen Mittwoch, wie wir bereits kurz berichteten, ihren 105. Geburtstag. Diesen Tag hat der Führer und Reichskanzler zum Anlaß genommen, Frau Müller ein Glückwunschschreiben und eine Ehrengabe überreichen zu lassen.

 

Frau Müller wurde als Tochter des Stellmachers Mampe am 23. Juni 1832 in Schluschow im Kreise Lauenburg geboren. Im Alter von 26 Jahren verheiratete (sie) sich in den früheren deutschen Nachbarkreis Neustadt und wohnte auf einer Landwirtschaft in Strebielin. Später zog sie mit ihrem Mann zu ihrem Sohn nach Elsental im Kreis Behrendt, um ihm in der Landwirtschaft mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. In dieser Ortschaft feierte das Ehepaar Müller auch das Fest der Goldenen Hochzeit. Im Jahre 1918 starb plötzlich ihr Mann, wenige Tage nur vor der diamatenen Hochzeit. Ernestine Müller hat drei Kindern das Leben geschenkt, einer Tochter und zwei Söhnen. Während die Tochter jung gestorben ist, leben die beiden Söhne, die im Jahre 1864 und 1870 das Licht der Welt erblickten, noch heute. Seit dem Jahre 1922 verbringt die greise Jubilarin ihren Lebensabend bei ihrem Enkel, dem Bauern Ernst Müller in Karlsfelde bei Kleschinz.

 

Frau Müller, der wir an ihrem Ehrentage einen kurzen Besuch abstatteten, macht durchaus nicht den Eindruck einer 105jährigen. Als ihre Enkel und Urenkel ihr davon Mitteilung machen, daß Besuch erschienen sei, steht sie sofort vom Fenster auf und legt allein ihr Tuch um die Schultern. Den richtigen Sitz des Kopftuches prüft sie noch einmal im Spiegel nach; dann erst kommt sie mit Hilfe eines Stockes die Stufen zum Hof ruhig und sicher herunter. Bewundernswert ist ihr Gedächtnis. Ganz genau kann sie sich noch auf diesen und jenen Vorfall aus den Kriegsjahren 1870/71 besinnen. Recht gut weiß sie auch in der Wirtschaft Bescheid. Oftmals fragt sie nach, ob auch die Kuh bereits gekalbt und die Sau geferkelt haben, es müsse doch schon längst an der Zeit sein. Das Gehör hat bei ihr infolge des sehr hohen Alters stark nachgelassen, dafür liest sie aber noch täglich im Gesangbuch, in der Bibel und in der Zeitung. Frau Müller trinkt noch recht gern Bohnenkaffee und auch ein "Likörchen" ist eine stets willkommene Gabe. Beinahe unglaublich ist, daß Frau Müller in ihren 105 Jahren noch nie einen Arzt gebraucht hat. Mit dem Doktor will sie auch nichts zu tun haben. Sie meint ganz trocken, das geht auch ohne den Doktor.

 

In Vertretung des Landrats überreichte Kreisoberinspektor Pg. Bachmann der greisen Jubilarin mit herzlichen Glückwünschen zu ihrem Ehrentag ein Handschreiben des Miniterpräsidenten Generaloberst Göring folgenden Inhalts:
"Zu Ihrem 105. Geburtstage, den Sie heute begehen können, spreche ich Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche aus und lasse Ihnen hierneben ein Ehrengeschenk von 100 Mark zugehen. Es ist das Ziel des nationalsozialistischen Deutschlands, eine Jugend heranzuziehen, die einen starken Lebenswillen und eine solche Lebenskraft besitzt, wie sie Ihnen beschieden ist. [Auslassung] Göring."

 

Vom Landkreis Stolp (öffentliche Fürsorge) wurde der greisen Jubilarin durch Kreisoberinspektor Pg. Pfeiffer ebenfalls ein Geldgeschenk übermittelt, unter besonderer Würdigung der Tatsache, daß die Familie Müller trotz ihrer bedürftigen Lebensverhältnisse die öffentliche Fürsorge nie in Anspruch genommen hat.

 

Für die Gemeinde Kleschinz gratulierte Bürgermeister Blum. Die Schulkinder, die sich vollzählig eingefunden hatten, sangen ein paar Lieblingslieder der Jubilarin. Lehrer Stark überreichte Frau Müller zu ihrem Ehrentage eine Flasche Likör mit dem Wunsche, daß sie noch das 110. Jahr in gleicher geistiger und körperlicher Frische erleben möchte. Schmunzelnd quittierte die Hochbetagte das Geschenk. Die Schulkinder gratulierten mit großen Blumensträußen.

 

Helle Freude leuchtete aus den Augen der 105jährigen über die Ehrungen, die ihr an diesem Tage zuteil wurden. Herzlichst bedankte sie sich für die Geschenke und sprach in einer Unterhaltung die Hoffnung aus, auch noch 110 Jahre alt zu werden.

 

Den vielen herzlichen Glückwünschen, die der Jubilarin zu ihrem seltenen Ehrentage ausgesprochen wurden, schließen auch wir uns an und wünschen der ältesten Frau unseres Kreises Stolp und Pommerns weiterhin beste Gesundheit und Wohlergehen.

 

Wörtliche Abschrift aus: Die Grenzzeitung, Parteiamtliche Zeitung für die Kreise Stolp, Schlawe, Bütow-Rummelsburg, Nachrichtenblatt der Landesbauernschaft, der DAF und aller Behörden, 6. Jahrgang, Folge 144, Donnerstag den 24. Juni 1937.

 

Die 105jährige Ernestine Müller mit ihrem einjährigen Ur-ur-urenkel

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